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Controlling und Energiekosten – “Kilowattstunden” sollten künftig auch zum Vokabular von Controllern zählen

Grafik_EnergiekostenanteileWas geschieht in dem Moment, in dem ein Controller steigende Energiekosten im Unternehmen feststellt? Kann dieser Euro-Betrag den ursächlichen Kilowattstunden zugeordnet werden?  Der betreffende Energieträger und die Rechnung der Energielieferung sind schnell gefunden, aber nicht die Ursache der Energiekostensteigerung. Den Überblick über die Energieanwendungen im Unternehmen haben die Techniker. Um zur Lösung zu gelangen, müssen also Controller und Techniker miteinander kommunizieren – und einander verstehen.

Dass dies in der Praxis bislang ein Problem darstellt berichtet Prof. Dr. Ulrich Nissen, der zum Wintersemester die Stiftungsprofessur der NEW AG bei der Hochschule Niederrhein am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften angetreten hat. Ein Kernziel seiner Tätigkeit an der Hochschule wird es sein, dass „Kilowattstunden“ zum Vokabular künftiger Controllern zählen wird. Wir sprachen mit ihm an der Hochschule in Mönchengladbach.

Jochen Ohligs:

Herr Prof. Nissen, Sie leiteten vor Ihrer Hochschullaufbahn den Controllingbereich eines mittelständischen Industrieunternehmens und waren zudem häufig in Kontakt zu anderen Industriecontrollern. Wie ist die Sicht eines Controllers auf die Energiekosten in Unternehmen?

Ulrich Nissen:

Ulrich_NissenBis vor wenigen Jahren waren die Energiekosten in Industrieunternehmen im Vergleich zu den Material- oder Personalkosten relativ gering. Ihre verursachungsgerechte Zuordnung zu Energieverbrauchern wurde daher in aller Regel vernachlässigt. Dies wäre damals zu aufwendig gewesen. Eine systematische Energiekostensteuerung wurde dadurch unmöglich gemacht.

Diese Lage hat sich grundlegend verändert. Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren die Energiepreise und somit die Energiekosten für Unternehmen im Durchschnitt inflationsbereinigt (!!) um etwa 6 bis 7 % pro Jahr angestiegen sind, haben sich die Kostenstrukturen in den Unternehmen verändert. Während vor etwa 10 Jahren der Energiekostenanteil eines Beispielunternehmens bei 2% lag, ist er zwischenzeitlich nicht selten auf 6 oder gar 8% angewachsen (Tendenz steigend). Damit sind dann Schmerzgrenzen erreicht, die aus der Sicht vieler Unternehmensleitungen nicht mehr toleriert werden. Die typische Reaktion ist dann häufig, dass die Chef-Controller beauftragt werden, Konzepte zu erarbeiten und Maßnahmen zu ergreifen, um diese Entwicklung zu stoppen und um Energiekosten steuerbar zu machen. Hiermit sind die meisten Controller jedoch überfordert, weil dies Kenntnisse in betriebswirtschaftlicher Energiewirtschaft voraussetzt, die in aller Regel aber nicht vorliegen. An genau dieser Stelle besteht gravierender qualifikatorischer Nachholbedarf.

JO:

Lohnt es sich für die Unternehmensführung „Euros und Kilowattsunden“ in Relation zu stellen?

Ulrich Nissen:

Es lohnt sich sehr. Dies deshalb, weil wir davon ausgehen können, dass in vielen Unternehmen sehr große Energieeinsparpotentiale vorliegen, die deshalb nicht systematisch ermittelt und ausgeschöpft werden, weil die für das Energiekostenmanagement zuständigen Personen, nämlich die Controller, auf der einen Seite – wie soeben ausgeführt – in aller Regel nicht über die notwendigen Qualifikationen verfügen und weil es – auf der anderen Seite – an geeigneten Instrumenten fehlt.

JO:

Wie können die Energiekosten eines produzierenden Unternehmens bis in die Produktkostenanalyse verfolgt werden?

Ulrich Nissen:

Als sehr zweckmäßig hat sich erwiesen, das vorhandene Kostenrechnungs- und Produktkalkulationssystem in allen Einzelheiten komplett auf den Prüfstand zu stellen (wobei dann i.d.R. auch andere Verbesserungspotentiale aufgedeckt werden), um dabei dann bei jeder einzelnen zu prüfenden Systemkomponente zu klären, auf welche Weise Energiekosten sinnvoller Weise berücksichtigt werden können. Dies gilt sowohl für die Ist- als auch für die Plan-Kostenrechnung/-Kalkulation. In aller Regel werden dabei dann Stücklisten und/oder Arbeitspläne angepasst, sodass nur in seltenen Fällen der Kalkulationsalgorithmus verändert werden muss. Man benutzt also das vorhandene Rechen- und Auswertungssystem, modifiziert es um Energieaspekte und verhindert dadurch Insellösungen. Um jedoch die Ist-Kosten zumindest einigermaßen akurat zuordnen zu können, kommt man ohne Messeinrichtungen nicht aus. Zu Beginn reichen i.d.R. Schätzungen und groben Messungen (etwa mit Zangenamperemeter und mobilen Wärmemengenmessern). Mittelfristig wird die Integration von Energieaspekten in das betriebliche Controlling jedoch ein stationäres Energiedatenerfassungssystem erforderlich machen.

JO:

Welche Auswirkungen erwarten Sie, wenn ein Unternehmen spezifische Energiekosten für einzelne Produktionsschritte ermittelt?

Ulrich Nissen:

Man kann nur das steuern, was man messen kann und was ermittelt wird. Erst nach der prozessorientierten Ermittlung und der verursachungsgerechten Verrechnung von Ist-Energiekosten und Ist-Energieverbräuchen [in €/a bzw. in kWh/a je Prozess] ist ein Unternehmen in der Lage, eine Schwerpunktbildung und eine wirtschaftlich zweckmäßige Ableitung von Effizienzverbesserungsmaßnahmen vorzunehmen. Derartige Ist-Werte dienen zudem dazu dann als Basis, Soll-Energieverbräuche je Prozess festzulegen, um so Soll-Ist-Abweichungsanalysen zu ermöglichen, die eine Grundlage für den Aufbau eines Anreizsystems zur Energiekostensenkung je Prozess bilden.

Darüber hinaus hilft eine verursachungsgerechte Kostenzuordnung auf Produkte, die Quersubventionierung von energiearmen auf energieintensive Produkte, die sich regelmäßig bei gängigen Kostenrechnungssystemen zwangsläufig ergeben, zu stoppen, korrekte Preisuntergrenzen für den Vertrieb zu bestimmen (Vorbeugung von Vertriebsfehlentscheidungen) und Soll-Energieverbräuchen je Produkt festzulegen, so dass auch hier Soll-Ist-Abweichungsanalysen ermöglicht und infolge Anreizsysteme zur produktbezogenen Energiekostensenkung aufgebaut werden können.

JO:

Ihre Professur beinhaltet neben der Lehre auch die Forschung. Welche Angebote bieten Sie dem Mittelstand?

Ulrich Nissen:

Zu meinen Schwerpunktthemen: (a.) Energiekostenmanagement, (b.) Energieadjustierte Investitions-/Wirtschaftlichkeitsrechnung, (c.) Integration von Energieaspekten in das Unternehmenscontrolling, (d.) Design for energy efficiency (also die Modifikation von technischen Produkten dergestallt, dass der Energieverbrauch über den gesamten Lebensweg minimiert wird) sowie (e.) Analysen der Wirksamkeit von einschlägigen Regulierungen biete ich folgendes an:

  • Durchführung von Drittmittel-/Beratungsprojekten, insbesondere in Industrieunternehmen, bei denen es um unterschiedliche Fragen der Energiekostensteuerung und des Energiemanagements geht;
  • Entwicklung und Umsetzung von Konzepten, in deren Rahmen systematisch Energiekostensenkungspotentiale aufgedeckt und ausgeschöpft werden;
  • Analysen der Wirtschaftlichkeit von Energiebereitsstellungsanlagen und Energieeffizienzmaßnahmen mit Hilfe von energieadjustierten dynamischen Investitionsrechnungsmodellen;
  • Prüfung von gesetzlichen Regelungen, Verordnungen, Verwaaltungsvorschriften und privaten Normen (etwa DIN, CEN oder ISO) hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Eignung, Wirksamkeit zu entfalten (also die verfolgten Ziele erreichen zu können);
  • Vorträge zu Themen im Bereich der betrieblichen Energiewirtschaft;
  • Weiterbildungskursen zu o.a. Themen für ein breites Publikum sowie Crashkurse für Controller;
  • Studentenvermittlung (Werksstudentenschaft, Praktika und Thesis‘);
  • Vermittlung von wiss. Mitarbeitern etwa für eine Industriepromotion;
  • Aufbau eines Netzwerkes von Interessenten an Energiekostenmanagement.

Vielen Dank, für das Interview, Herr Prof. Nissen!

www.ulrichnissen.de

Antrittsvorlesung_Nissen

5 Gedanken zu “Controlling und Energiekosten – “Kilowattstunden” sollten künftig auch zum Vokabular von Controllern zählen

  1. Ein gutes Controlling ist für ein gutes Unternehmen unentbehrlich. Viele beauftragen eine Firma, außerhalb des Unternehmens, für ein externes Controlling. Externe Fachmänner sehen gewisse Dinge viel schneller als interne Mitarbeiter. Lg

  2. Grundsätzlich ist die Idee gut durch Energie – Optimierung & Einsparung erreiche ich das meiste!
    Entweder effizientere Maschine oder Produktionsprozesse.
    Nachdem der Gewerbestrom auch stark ansteigt befürworte ich diesen Weg.
    Und mit den Messungen kann das Ergebnis berechnet oder Nachvollzogen werden wo die Energie verbraucht wird.

    Wünsche Ihnen vor Erfolg

    Mit sonnigen Grüßen aus Bayern / Ffb Solarstrom Simon

  3. Die Tatsache reine BWL’er an die Technik heranzuführen bzw. umgekehrt reine Techniker an die kaufmännischen Belange ist meines Erachtens bereits mit den Wirtschaftsingenieuren gegeben, die am Fachbereich 09 den Schwerpunkt Energiewirtschaft/-technik wählen können. Hier bekommen die Studierenden bereits kaufmännische als auch technische Kenntnisse der Energiewirtschaft mit auf den Weg. Meines Erachtens werden hier zwei Wege eingeschlagen, die ein wenig gegeneinander anstatt miteinander arbeiten. Die BWL’er schauen zu stark ins Detail (Produktkostenebene) werden die WIngs sich mit den eher grundsätzlichen Dingen der Energiewirtschaft (Energiemarkt) beschäftigen. Einen übergreifenden Mix aus beiden Themen, stellt aus meiner Sicht für die Industrie einen besseren und interessanteren Ansatz dar.
    Dementsprechend sollte man bei der Gestaltung der beiden Studienschwerpunkte auch noch einmal Rücksprache mit den Industrieunternehmen halten, da ansonsten die Gefahr besteht, am Bedarf bzw. am Notwendigen vorbei auszubilden.

    • Danke für Ihren Kommentar, Herr Szukala!

      Eine fachbereichsübergreifende Ausbildung der Studierenden ist sicher wünschenswert, um den Bedürfnissen der Industrieunternehmen gerecht zu werden.
      Den hier vorgestellte Ansatz sehe ich als einen Beitrag vermehrt interdisziplinär zu denken und zu arbeiten.
      Sicher ist man bei den Wirtschaftsingenieuren bestens aufgehoben, wenn es um Energiekostenoptimierung in produzierenden Unternehmen geht.
      Dass sich auch die Wirtschaftswissenschaften mit dem Thema (mehr) befassen sollen, sollte nicht zu einem Gegeneinander-Arbeiten führen.
      Auch Juristen z.B. haben es immer mehr häufiger mit „Energiethemen“ zu tun.

      Ob es zu ggf. zu viele Angebote und Ansätze in der Lehre gibt, kann gerne diskutiert werden.

      Jochen Ohligs

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